Fotoserie "Heim"

Moira Mangione, Künstlerin aus Aarau, ist nach Oliver Lang, Sarah Keller und Luca Schaffer die vierte regionale Fotografin, die wir gebeten haben, die Publikationen des Theater Tuchlaube Aarau zu gestalten. Ihre Fotoserie orientiert sich an dem Spielzeitthema „Heim“, das in der Saison 2017/18 im Vordergrund unseres Programms steht.

Heim

Gedanken unserer Künstlerinnen und Künstler und Mitarbeitenden zu Heim

Zuhause ist da, wo meine Kaffeemaschine steht. Der Wohlstand ist auch bei mir nicht spurlos vorübergegangen, und ich habe mehrere Kaffeemaschinen, allein zwei mobile, eine für Hotelzimmer auf Theatertouren und eine für auf dem Wasser. Und ich benutze auch immer wieder Kaffeemaschinen von Freunden. Der erste Satz ist also futsch. Fast. Denn die liebste Kaffeemaschine steht in Zürich, da wo viel von dem ist, was mir lieb ist. Wenn nur ja kein Flüchtling meinen Text liest, er nähme mich als Zyniker wahr, und das ist eigentlich nicht meine Haltung zur Welt und zum Zuhause. Ich denke, das Zuhause ist tatsächlich etwas Materielles, weshalb man es leider auch verlieren kann. Da würde mir ein Flüchtling wohl wieder beipflichten. Eine Kaffeemaschine kann man sich immer wieder neu kaufen (obwohl mein Chromstahlross bei guter Pflege dreissig Jahre hält). Beim Zuhause muss man wesentlich mehr Pflege aufwenden. Und manche glauben, das halte ewig. Die glauben auch, ein Zuhause könne man sich kaufen. Das sind noch üblere Materialisten als ich.

Mike Müller ist Autor und Schauspieler in „Heute Gemeindeversammlung“.

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Zur Heim Fotoserie:

Moira Mangione hat Menschen aufgesucht und porträtiert, die ein ungewöhnliches Zuhause haben, sei es temporär oder dauerhaft. Eine in den Fels gesprengte Höhle, Jurte, Tipi oder Baumhaus, ein ganzjährig bewohnter Wohnwagen, ein Zirkuszelt, ein Fischerboot oder gar der Wald unter freiem Himmel – dies sind die Orte, an denen sich die Menschen, denen die Fotografin begegnete, heimisch fühlen. Die Bilder strahlen einen ungewöhnlichen Frieden aus, was auch daher rührt, dass die Menschen mit ihrer Umgebung zu verschmelzen scheinen und in ihr aufgehen.
Und doch sind die Fotos irritierend. Denn die Behausungen sind flüchtig, mobil und oft hat es den Anschein, als seien ihre Bewohner*innen auf dem Sprung, jederzeit bereit, die Zelte buchstäblich abzubrechen und zu einem Schatten zu werden, von dem nichts bleibt als die Erinnerung, um irgendwo ein neues, ebenso flüchtiges Dasein zu führen. Und dann fällt auf, dass sie – bei allem Eins-Sein mit sich und ihrer Umwelt – allein sind. Ein Zuhause haben: Das meint in den meisten Fällen, sich zugehörig fühlen, und das wiederum bedeutet in den allermeisten Fällen, sich einer Gemeinschaft verbunden fühlen. Die Menschen auf Moiras Bildern strahlen etwas aus, dem noch eine andere Qualität innewohnt: Sie sind sich selbst zugehörig und dem Ort, den sie sich selbst geschaffen haben, unabhängig davon, wo sie verortet sind. Der Publizist Daniel Schreiber schreibt in seinem Buch „Zuhause“: „Sich ein Zuhause zu suchen bedeutet, einen Ort in der Welt zu finden, an dem wir ankommen – und dieser Ort wird zuallererst ein innerer Ort sein, ein Ort, den wir uns erarbeiten müssen.“