Fotoserie "Grenzen L o s"

Die Fotoserie der Saison 2016/17, die der junge Lenzburger Fotograf Luca Schaffer realisiert hat, zeigt stillgelegte Schweizer Grenzstationen an den Grenzen zu Deutschland, Frankreich und Italien.

Grenzenlos

Bis jetzt ist alles gut gegangen!

Gedanken zum Mauern bauen und Zäune ziehen
von Peter-Jakob Kelting

Wir befinden uns in bewegten Zeiten, gelinde gesagt. Wie verhalten wir uns angesichts der Unübersichtlichkeit unserer krisengeschüttelten Gegenwart? Mit welchen Themen und Stoffen können wir als Theater noch adäquat reagieren auf die Verwerfungen und Konflikte, die uns in den Nachrichtenkanälen täglich vor Augen geführt werden?

---

In dieser Frage steckt bereits eine grundlegende Annahme über den Charakter unserer Arbeit. Denn soll, kann sich Theater überhaupt in diesem Sinne – also als Zeitdiagnostiker – verhalten? Ich meine: Wir müssen es zumindest versuchen, wenn wir nicht den Ursprung unserer Kunst leugnen oder gar verraten wollen. Die Bühne ist seit jeher der Ort, an dem das Gemeinwesen, die Polis, seine Angelegenheiten spielerisch verhandelt, provokativ zuspitzt und in ästhetischer Ummantelung zur Debatte stellt.

---

Wir leben in einer Ära der unauflöslich scheinenden, um nicht zu sagen tragischen Widersprüche, um im Theaterjargon zu bleiben. Und der wesentliche Grundwiderspruch betrifft den Umgang mit Grenzen. Die Globalisierung hat die nationalen Demarkationslinien geschleift, zumindest auf der ökonomischen Ebene. Der freie Waren- und Kapitalverkehr ist zu einem Gutteil für den nie gekannten Wohlstand der Menschen in den westlichen Industrienationen und den Aufstieg der Schwellenländer verantwortlich. Umkehrbar ist dieser Prozess wohl kaum, wollen wir nicht unsere wirtschaftliche Prosperität und mit ihren alltäglichen Annehmlichkeiten in Frage stellen.

---

Und doch wächst das Unbehagen über die Begleiterscheinungen von real oder metaphorisch offenen Grenzen, ein diffuses Gefühl von Bedrohung. Die weltweiten Migrationsbewegungen und vor allem die Abwehrreaktionen darauf sind nur der sichtbarste Ausdruck dieser Tendenz zum Zäune ziehen und Mauern bauen.

---

Aufgewachsen in den siebziger und achtziger Jahren, ist für mich persönlich das Prinzip einer offenen und pluralistischen Gesellschaft der Gradmesser meiner subjektiv empfundenen Lebensqualität. Diese liberale Offenheit wird von zwei Seiten in die Zange genommen: Die religiösen Fundamentalisten streben mit ihren Terroranschlägen an, die existentielle Gelassenheit dieses Lebensentwurfes zu untergraben. Und die populistischen Akteure vom rechten Rand des politischen Spektrums nutzen die Stimmungslage, um autoritäre Modelle aus der Mottenkiste der Geschichte zu reaktivieren. Offenbar übt die Mauer in den Köpfen eine zunehmende Anziehungskraft in weiten Teilen unserer Gesellschaft aus, und zwar gerade bei denen, die sich nicht auf der Gewinnerseite sehen.

---

Es entspricht vielleicht einem natürlichen Reflex, sich im Moment der Verunsicherung und Ohnmacht ins Schneckenhaus einer idyllisierten Heimat zurückzuziehen. Vernünftig ist er nicht. Denn keine der anstehenden Aufgaben ist auf der Ebene nationaler Gemeinschaften zu lösen. Der Klimawandel, um nur eines von vielen Beispielen zu nennen, macht nicht an noch so gut bewachten Grenzen halt, seine Folgen werden wir – früher oder später – alle auszubaden haben. In diesem Sinne ist mehr Offenheit gefragt und mehr Kooperation und Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Sonst ergeht es uns wie jenem Mann aus dem französischen Witz, der vom Hochhaus springt und bei jedem Stockwerk wiederholt: Bis jetzt ist alles gut gegangen.