Fotoserie "?Alles Lüge!"

Nathanael Gautschi, Künstler aus Aarau, ist nach Oliver Lang, Sarah Keller, Luca Schaffer und Moira Mangione der fünfte regional Fotograf, den wir gebeten haben, die Publikationen des Theater Tuchlaube Aarau zu gestalten. Seine Fotoserie orientiert sich an dem Spielzeitthema „?Alles Lüge!“, das in der Saison 2018/19 im Vordergrund unseres Programms steht.

?Alles Lüge!

Gedanken zum Spielzeitthema ?Alles Lüge!

Theater ist das Medium der Lüge schlechthin: Ein Mensch betritt einen Raum (die Bühne) und behauptet, jemand anders zu sein als der, der er ist. Der Schauspieler, die Schauspielerin tut so, als ob. Dieses „als ob“ ist aber grundlegend für die Theaterkunst, und die Zuschauer*innen wissen dies nicht nur – sie akzeptieren es. Die Lüge ist in diesem Sinne Teil einer künstlerischen Verabredung zwischen Künstler*innen und Publikum und etwas, das an den religiösen Ursprung des Theaters erinnert. Auch die vorchristlichen Priester ‚spielten’ in den religiösen Ritualen ja eine Rolle: die des/der Repräsentant/in der unsichtbaren Götterwelt.

Man könnte also sagen, dass das Theater als Lügenmedium per se eine ausgesprochen aktuelle Kunstform ist: Noch nie war soviel die Rede von „Fake-News“, noch selten kursierten derart viele Verschwörungstheorien. Populistische Parteien operieren mit Falschinformationen, die oft nur mühsam zu widerlegen sind, um ihre Agenda durchzusetzen, und die Krone setzt diesem Befund ein amerikanischer Präsident auf, der in den ersten 18 Monaten seiner Amtszeit nachweislich über 6000 Mal öffentlich gelogen hat, ohne dass es ihm geschadet hätte.

Wir wissen alle aus unserem Privatleben, dass ein Grundvertrauen in die Wahrhaftigkeit unserer Mitmenschen unerlässlich ist. Zwar gehen wir davon aus, dass es sich nicht vermeiden lässt, ganz ohne (Not-) Lügen auszukommen, und es gibt durchaus Situationen, in denen das theatralische „So-tun-als-ob“ geradezu zum guten Ton zwischenmenschlicher Kommunikation etwa beim Austausch diplomatischer Höflichkeiten gehört. Aber insbesondere Kinder spüren sehr genau, wenn sie belogen werden, sie sind verunsichert, schlimmstenfalls traumatisiert. Die Lüge ist geeignet, Menschen buchstäblich den Boden unter den Füssen wegzuziehen. Vertrauensverlust hat aber auch in der öffentlichen Sphäre und vor allem im Bereich des Politischen fatale Konsequenzen.

An welche Gewissheiten sollen wir uns halten, wenn verschiedenste Versionen ein und desselben Sachverhaltes auf den diversen Informationskanälen kursieren, die sich durch die Digitalisierung vervielfacht haben? Wem sollen wir noch glauben, wenn praktisch allen Instanzen, denen wir bis noch vor nicht allzu langer Zeit prinzipiell Glaubwürdigkeit unterstellt haben, der Wahrheitsbeugung bezichtigt werden? Der Vorwurf der „Lügenpresse“ gegenüber den sog. Mainstreammedien ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Das allgegenwärtige Misstrauen untergräbt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, da es immer schwerer und vor allem aufwändiger wird, der Wahrheit nahe zu kommen. Es handelt sich also nicht um ein Randphänomen unserer Zeit, sondern stellt die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens in Frage. Ohne Vertrauen in die Institutionen, die das Miteinander gestalten, stehen – man muss es so deutlich formulieren – die demokratischen Prinzipien zur Disposition.

In der Spielzeit 2018/19 werden wir uns mit dem Thema auf verschiedene Weise unter dem Motto „?Alles Lüge!“ auseinandersetzen. Im Programm werden die verschiedenen Facetten des Themas an- und ausgespielt, nicht zuletzt wird die „Lügenhaftigkeit“ der Kunst selbst thematisiert.